„Bewegungstherapie sollte immer den individuellen Bedürfnissen der Patienten entsprechen.“

Dr. Freerk T. Baumann
Sportwissenschafter an der Deutschen Sporthochschule in Köln

Frage: Bis vor wenigen Jahren sollten Krebspatienten sich nach einer Operation vor allem schonen. Wissen inzwischen alle medizinischen Einrichtungen, dass Bewegung zur medizinischen Rehabilitation gehört?

Dr. Freerk T. Baumann: Dass körperliche Bewegung der Heilung und auch der Vorbeugung von Folgeschäden einer Operation dienen kann, ist unbestritten. Deshalb machen die meisten Kliniken ihren Krebspatientinnen und -patienten von Anfang an auch Bewegungsangebote. Allerdings ist die Qualität der bewegungstherapeutischen Angebote sehr unterschiedlich. Es gibt noch viel Unsicherheit, ob bestimmte Übungen der Genesung nicht auch schaden können. Und es fehlt an einheitlichen Empfehlungen, an denen sich alle bewegungstherapeutische Anbieter orientieren können.

Weshalb ist es so wichtig, dass Patientinnen und Patienten nach einer Krebsoperation schon im Krankenbett bewegungstherapeutisch behandelt werden?

Es gilt in erster Linie den Folgen eines Bewegungsmangels vorzubeugen, die durch ein Übermaß an Bettruhe nach einem Eingriff drohen. Nach einer OP nehmen die meisten Menschen schnell eine Schonhaltung ein, die sich negativ auswirkt, wenn man ihr nicht frühzeitig entgegenwirkt.

Was heißt frühzeitig?

Sobald es der Zustand der Patientin oder des Patienten erlaubt. Sie müssen sich vorstellen, dass die ersten sieben Tage absoluter Bettruhe die Muskelkraft um 20 bis 30 Prozent schwächen. Schonhaltungen verstärken dann diesen Effekt, weil sie zu Muskelabbau, Sehnenverkürzungen und starken Verspannungen führen. Das ist nicht immer zu vermeiden, aber es bedeutet, dass dieser Verlust durch ein mindestens mehrwöchiges Reha-Training ausgeglichen werden sollte.

Stärkt körperliche Aktivität auch das Immunsystem zur Bewältigung der Erkrankung?

Gesichert ist, dass absolute Bettruhe das Immunsystem schwächen kann, da die Aktivität bestimmter Abwehrzellen unter diesen Umständen abnimmt. Aufrechtsitzen oder stehen unterstützt dagegen die Lungenbelüftung, so dass Keime besser ausgehustet werden können. Bewegung dient eindeutig der Vorbeugung von Infektionen. Ebenso sicher trägt körperliche Aktivität zur Vermeidung von Folgeerkrankungen bei, etwa von Herz-Kreislauferkrankungen oder Diabetes, die auch in der Folge einer Chemotherapie auftreten können.

Kann körperliche Aktivität helfen, das Wiederauftreten der Krebserkrankung zu verhindern?

Wir wissen recht sicher, dass permanenter negativer Stress zur Entstehung einer Krebserkrankung beitragen kann. Sicher ist ebenso, dass Bewegungstherapie depressive Verstimmungen, Ängste und Antriebsarmut deutlich positiv beeinflusst. Sport schadet hier also sicher nicht. Aber man muss wissen, dass das Immunsystem noch nicht vollständig verstanden ist. Der Zusammenhang zwischen einem starken Immunsystem und etwa einem verringerten Rückfallrisiko von Krebs konnte bislang nicht nachgewiesen werden.

Hilft sportliche Bewegung, den Schmerzmittelgebrauch zu verringern?

Hierzu gibt es noch keine absolut endgültigen Erkenntnisse, aber doch schon sehr starke Hinweise. Studien zeigen, dass die Nebenwirkungen einer Krebsbehandlung durch Bewegungstherapie gemindert werden können, weshalb dann unter Umständen auch weniger Schmerzmittel nötig sind.

Würden Sie jedem empfehlen, Reha-Sport in der Gruppe zu machen?

Die Bewegungstherapie in der Krebsnachsorge wird noch zu wenig auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten abgestimmt. Wer sich in einer Gruppe wohlfühlt, wird sicher eher positivere Erfahrungen machen als jemand, der oder die sich in Gruppen schwer tut. Je mehr das Bewegungsangebot die jeweilige Persönlichkeit von Patienten berücksichtigt, desto größer sind die Chancen, dass sie auch längerfristig körperlich aktiv bleiben. Erst das würde die positive Wirkung des Sports sicherstellen.

Wie finde ich eine Krebssportgruppe, die zu mir passt?

Wenn der behandelnde Arzt keine guten Bewegungstherapeutinnen oder -therapeuten empfehlen kann, sollte man direkt beim zuständigen Landessportbund anrufen (Link zu Adressen) und sich dort über regionale Angebote erkundigen. Online wird man da meist nur schwer fündig. Der nordrhein-westfälische Landessportbund verfügt im Internet dagegen über eine recht aktuelle Suchfunktion, mit der örtliche Rehasport-Angebote gefunden werden können.

Kann man sich als Krebspatient darauf verlassen, in einer Krebssportgruppe in guten Händen zu sein?

Auch hier gibt es noch keine allgemein verbindlichen Standards. Aber man kann darauf vertrauen, dass Krebssportgruppen, die das Zertifikat als Reha-Sport haben, nur von speziell ausgebildeten Übungsleiterinnen und -leitern durchgeführt werden. Anderenfalls wäre die Kostenübernahme durch die Krankenkassen gar nicht möglich.

 
 

Olympia Partner

Sport für Alle Partner

Olympia Partner

Sport für Alle Partner