Abschlusstagung "Bewegungsnetzwerk 50 plus"

DOSB und Bundesfamilienministerium stellten Projekt-Ergebnisse vor. Vereine werden für vorbildliche Arbeit ausgezeichnet.

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DOSB-Vizepräsident Walter Schneeloch (links) zusammen mit Franz Müntefering (2.v.l.), Ursula Lehr und Moderator Wolf-Dieter Poschmann bei der Abschlussrunde.

„Bewegungsnetzwerk 50 plus“ heißt: Zurück im Leben

Wäre Franz Müntefering nicht schon Demografie-Beauftragter der SPD, man müsste für den Bundesminister und Parteivorsitzenden a. D. das Amt erfinden. Bessere Mitstreiter wie ihn oder die ehemalige Bundesfamilienministerin Prof. Ursula Lehr hätte sich der Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Walter Schneeloch, für die Abschlusstagung des Projektes „Bewegungsnetzwerk 50 plus“ in Berlin nicht wünschen können. Das Fazit vorweg: Das Netzwerk, das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützt wird, funktioniert und wächst. Was nicht zuletzt dadurch belegt wurde, dass ein Drittel der rund 200 Tagungs-Teilnehmer von externen Organisationen und Einrichtungen kam, die bereits dabei sind oder sich informieren wollten.

DOSB leistet seit Jahren Pionierarbeit

Nicht nur Trimmy, die wiederbelebte Symbolfigur für eine Republik in Bewegung und nun zwar schon etwas in die Jahre gekommen, aber topfit, schien angesichts des Engagements aller Beteiligten noch freundlicher von den Postern zu blicken. Der DOSB leistet auf dem Gebiet „demographischer Wandel“ nämlich seit Jahren Pionierarbeit und kümmert sich damit um ein wichtiges Zukunftsthema. Denn „wir befinden uns in einer Gesellschaft des langen Lebens“, sagt Ursula Lehr. Franz Müntefering argumentiert mit Zahlen: „Derzeit sind vier Millionen Menschen 80 und älter. 2050 sind das schon zehn Millionen. Das werden dann 18 bis 20 Prozent der Bevölkerung sein.“ Und noch eine Zahl hat er parat: 7.000 Bundesbürger sind derzeit 100 Jahre und älter. 2050, so die Statistiker, sollen es 75.000 sein.

Mehr Lebensqualität durch körperliche Aktivität

Müntefering und Lehr sprechen von mehr Lebensqualität durch körperliche Aktivität: „Bewegung der Beine beschäftigt das Gehirn“, sagt Müntefering, und Frau Lehr ergänzt: „Es geht nicht nur um körperliche, sondern auch um geistige Beweglichkeit. Auch die grauen Zellen müssen gefordert werden.“ Wie Sport und Bewegung Älterer aussehen kann, das zeigte die Sportgruppe HNT aus Hamburg, mit temperamentvollen Auftritten und Trommelwirbel. Viel hat sich in den vergangenen Jahren im Bereich Bewegung und Alter getan. Engagierte Verbände und Vereine haben sich eingeklinkt. Am „Bewegungsnetzwerk 50 plus“ beteiligten sich zehn Mitgliedsorganisationen des DOSB mit Teilprojekten und Maßnahmen für kommunale Vernetzungen. Bei verschiedenen Angeboten übernahmen bekannte Menschen Patenschaften. Die ehemalige Fechtweltmeisterin und Olympiasiegerin Cornelia Hanisch aus Offenbach ließ sich vom Landessportbund Hessen als Patin gewinnen. Die Hessen wollten „Sportaussteiger“ reaktivieren. 34 extra  ausgebildete Bewegungsstarthelfer führten über 50-Jährige wieder an den Sport heran und sorgten bei vielen für einen Neuanfang in Sportvereinen oder Bewegungsgruppen.

Verbände und Vereine engagieren sich

Als Patin für das Alt-Jung-Projekt des Landessportbundes Nordrhein- Westfalen stellte sich die Vorsitzende des Ausschusses für Familie, Senioren,  Frauen und Jugend im Bundestag, Sybille Laurischk (FDP) zur Verfügung. In diesem Projekt wurden eine Vielzahl generationsübergreifender Sportgruppen in Kooperation mit externen Partnern aufgebaut. Der Badische Sportbund hat sich besonders um Ältere mit Migrationshintergrund gekümmert und in Tandems von Kulturvereinen und spezielle Angebote geschaffen. Wer würde sich da besser als Patin eignen als Professor Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Sie war verhindert, schickte aber mit Honey Deihimi eine kompetente Vertreterin, die auch auf Problemfelder hinwies. Denn: Integration meint ja nicht, dass ein türkischer Verein gegen einen russischen spielt, sondern wenn in einer Mannschaft viele Akteure mit unterschiedlicher Herkunft spielen. Deihimis Beispiel für gelungene Integration: die Fußball- Nationalmannschaft.

Je älter, je toller könnte man das Projekt des Deutschen Turnerbundes (DTB) überschreiben, für das Müntefering Pate steht. Der DTB organisierte zusammen mit einem Team aus Sportvereinen, Senioren und Sozialeinrichtungen in den Städten Achern (Baden) und Frankfurt am Main Bewegungsangebote für mehr als 150 Hochaltrige. Projektleiterin Petra Regelin berichtete, wie über 90-jährige dank eines speziellen Bewegungsprogramms Kraft, Koordination und Ausdauer zurück gewannen. Und am Ende wurden 100 Prozent der Teilnehmer Vereinsmitglieder, obwohl die Projektleiterin vorher noch zu hören bekam: „Fräulein, in meinem Alter kauf’ ich nicht mal mehr grüne Bananen! Und Sie wollen, dass ich noch Vereinsmitglied werde.“

Vielfältige Materialien und gemeinsame Seminare

In den Projekten der Landessportbünde Thüringen und Niedersachsen wurden über 20 kommunale Netzwerke zwischen Sportvereinen, Kreissportbünden, Städten und Kommunen sowie Senioren- Service-Büros, Senioren-, Sozial- und Gesundheitseinrichtungen aufgebaut oder weiterentwickelt. Somit wurde nicht nur ein bedürfnisgerechtes Sport- und Bewegungsangebot geschaffen, sondern ältere Menschen finden selbst ein für sie passendes Angebot oder können besser vermittelt werden. Und auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) unterstützte seine Verbände mit vielfältigen Materialien sowie einer Vernetzung auf Bundesebene und durch gemeinsame Seminare mit Senioren- und Freiwilligenorganisationen.

Ältere im Wettbewerb mit sich selbst

In den Talkrunden überzeugten Praktiker aus Verbänden und Vereinen mit vielen Beispielen, dass gesund sein im Alter durch Sport und Bewegung kein frommer Wunsch bleiben muss, wenn man sich aufrafft, den inneren „Schweinehund“ zu überwinden. Oder wie die 81-jährige Lehr, jetzt Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), es formuliert: “Man ist im Wettbewerb mit sich selbst.“

Drei Vereine ausgezeichnet

In die Arbeit mit Älteren hängen sich auch die Vereine immer mehr. Und drei von ihnen wurden nun für Einsatz und Kreativität belohnt. Im Wettbewerb „Sportvereine – vorbildlich vernetzt“ machte der TSV Berlin-Wittenau 1896 das Rennen. In der Trabantenstadt „Märkisches Viertel“ kümmert sich der TSV als „Seniorenstützpunkt Bewegung“ mit vielen Partnern mit großem Erfolg und Zuspruch um die Belange der älteren Mitbürger. Auf dem zweiten Platz landete der Thüringer Turnverein Weißendorf , ein kleiner Verein mit 248 Mitgliedern, der sich zum Ziel gesetzt hat, eine Gesundheitsregion zu entwickeln. Dritter wurde der SFL Bremerhaven, mit 2.000 Mitgliedern einer der größten Vereine in der Stadt. Neben dem allgemeinen Sportangebot bietet der SFL ein eigenes Fitness-Studio und Kultur-Gruppen wie Spielefamilie oder Männerchor besonders auch für Ältere an. Den Sonderpreis für „Externe Organisationen“ gewann die Leitstelle „Älter werden in Ahlen“.Schon seit 1990 betreibt die Stadt eine intensive Sozialplanung für ältere Menschen und richtete deshalb die Leitstelle ein, die für eine reibungslose Absicherung und Verbesserung der Lebensqualität von Senioren mit zusätzlichen Angeboten für hilfs- und pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen sorgen soll. Doch das reichte der Stadt nicht. In Ahlen überlegte man: Was macht SINN in der Seniorenarbeit? SINN steht in Ahlen für „Senioren In Neuen Netzwerken“, also für eine enge Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Partnern in der Seniorenarbeit. Der Sport kommt ins Spiel.

Preise sollen Ansporn für andere Vereine sein

Für Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, die kurzfristig absagen musste, überreichte Staatssekretär Hermann Kues zusammen mit Walter Schneeloch die Auszeichnungen. Die Preise sollen Ansporn für andere Vereine sein, sich in das Bewegungsnetzwerk einzuklinken. Die Nachfrage in den Verbänden ist groß. Und die Klientel ist begeistert, denn viele erkennen nach ersten „Schnupperaktionen“ im Sportverein: Ich bin gefordert, nicht mehr allein, habe Bewegung und Ansprache. Vernetzt heißt in diesem Fall: Zurück  im Leben. „Gesundheit ist kein Gut, das wir aufzehren, sondern, das wir in jedem Augenblick des Lebens neu erzeugen müssen“ zitierte Schneeloch Victor von Weizsäcker und übersetzte das so: „Wir bekommen die Langlebigkeit heute quasi geschenkt. Die Lebensqualität für das hohe Alter müssen wir uns erarbeiten. Und da kommen nun wieder die Bewegung und der Sport ins Spiel.“ In seinem Landessportbund Nordrhein-Westfalen wird es unter dem Motto „Bewegt älter werden“ für die nächsten Jahre einen verbandspolitischen Schwerpunkt geben. Und Vernetzung wird auch da ein großes Thema sein.

Sport der Älteren ist auch eine volkswirtschaftliche Rechnung

Auch dort weiß man, was Franz Müntefering so ausdrückte: „Das ist ja auch eine volkswirtschaftliche Rechnung, Wenn wir solche Projekte unterstützen, beugen wir vor. Jede stationäre Einrichtung kostet uns viel Geld.“ Im übrigen ist er für ein Präventionsgesetz und hat viele Ideen, für Beweglichkeit zu sorgen. Etwa den Betriebssport zu forcieren und grade für ältere Arbeitnehmer zu fördern. Und er plädiert für mehr Präsenz dieser Themen in den Medien. Moderator Wolf-Dieter Poschmann gab er mit auf den Weg, doch eine Art „7. Sinn“-Spots wie einst für Autofahrer als Hilfestellung für eine älter werdende Gesellschaft zu drehen und zwischen Dax und Weltgeschehen zu bester Fernsehzeit zu senden. Trimmy, das ist sicher, würde da mitmachen, und es würde nicht nur ihm gefallen.

DOSB/Bianka Schreiber-Rietig

Weitere Infos finden sich unter

www.richtigfitab50.de ,www.dosb.de und www.bmfsfj.de .

 
 

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