Prostata-Rehasport: Individuell abgestimmtes Training

Karin Thurn ist Diplom-Sportwissenschaftlerin bei Prophysio Köln*. Als speziell ausgebildete Übungsleiterin führt sie zertifizierten Rehasport für Prostatapatienten durch.

Wie finden die Gruppenteilnehmer zu Ihnen?

Karin Thurn: Die Männer kommen erst nach ihrer medizinischen Therapie zu uns, also frühestens drei Monate nach ihrer Operation, nicht selten auch später. In den meisten Fällen haben sie den Hinweis auf die Möglichkeit des Rehasports von ihrem Arzt bekommen und finden hier die Chance, auch mit Hilfe einer fachgerecht betreuten Sportgruppe wieder in ihren Alltag zurückzufinden.

Sprechen Sie mit den Männern zu Beginn über ihre jeweilige Situation?

Natürlich. Anders geht es gar nicht. Nicht nur die Belastbarkeit jedes einzelnen Teilnehmers ist je nach Ausmaß der Erkrankung und des Eingriffs sehr unterschiedlich. Die Frage ist auch, wie steht es ganz allgemein um die Gesundheit und Fitness? Oder gibt es weitere gesundheitliche Probleme, die berücksichtigt werden müssen? Das wird alles abgeklärt, so dass ein individuell abgestimmtes Training durchgeführt werden kann.

Müssen die Teilnehmer eine sportärztliche Untersuchung nachweisen?

Wir brauchen grundsätzlich für jeden, der zu uns kommt und ein Training machen möchte, eine ärztliche Unbedenklichkeitsbescheinigung. Daraus muss hervorgehen, welche Art und welches Maß an körperlicher Belastung jeweils möglich sind. Das ist wichtig zu wissen – für alle Beteiligten.

Gegen welche Beschwerden, die Männer typischerweise nach einer Prostata-Operation haben, lässt sich durch Rehasport etwas machen?

Mit Hilfe spezieller Übungen für die Schließmuskulatur kann beispielsweise die nach der Operation häufig bestehende Harninkontinenz gemildert oder sogar ganz behoben werden . Die Männer lernen zunächst, ihren Harnröhrenschließmuskel besser wahrzunehmen, um ihn dann auch speziell zu trainieren. Darüber hinaus wird durch das umfassende Körpertraining natürlich auch die allgemeine Leistungsfähigkeit verbessert.

Sind das vor allem gymnastische Übungen?

Nein. Zu Beginn sind es zunächst spezifische Übungen aus der Physiotherapie. Später geht das Training über in erste komplexe Übungen unter sicheren Bedingungen, beispielsweise an speziellen Trainingsgeräten, an denen die Belastung für den Beckenboden und damit seine Stabilität langsam gesteigert wird. Daran schließen sich dann Übungen an, die den Beckenboden für alltägliche Bewegungen kräftigt.

Haben solche Übungen auch Einfluss auf die Erektionsfähigkeit, die nach einer Prostata-Operation nicht selten gestört ist?

Es kommt darauf an, in welchem Ausmaß die Prostata operiert werden musste, ob und inwieweit etwa die nötigen Nerven und Blutgefäße erhalten geblieben sind. Im Allgemeinen kann man schon sagen, dass Übungen zur Stärkung der Muskulatur des Beckenbodens auch der Erektionsfähigkeit zugute kommen können. Aber das ist ein komplexes Geschehen, auch die Psyche spielt ein große Rolle.

Wie lange dauert ein solcher Kurs?

Im Regelfall werden Rehasport-Kurse mit 50 Einheiten über einen Zeitraum von 18 Monaten bewilligt. Die Kurse finden einmal in der Woche statt, aber wir ermutigen die Teilnehmer, auch außerhalb des Kurses sportlich aktiv zu sein, vielleicht in einem Sportverein ihrer Wahl weiterzumachen.

Woher wissen die Teilnehmer, welcher Sport am besten für sie geeignet ist?

Wir geben Empfehlungen zu geeigneten Sportarten. Bei diesen Sportarten sollte beispielsweise kein hoher Druck im Bauchraum entstehen. Im Rahmen des Trainings werden einige dieser Sportarten zum Teil auch durchgeführt.

Hilft der Rehasport den Männern?

In vielen Fällen eindeutig ja, weil sie wieder kontinent werden oder ihre Kontinenz sich deutlich verbessert. Oft entstehen in den achtzehn Monaten auch gute Beziehungen unter den Männern, manchmal sogar neue Freundschaften. Das macht das Leben insgesamt leichter. Die Abbrecherquote ist erfreulich gering.

* Prophysio Köln bietet in Kooperation mit dem „Verein für Gesundheitssport und Sporttherapie Köln e. V.“ unter anderem Rehasportgruppen an. Die Übungsleiterinnen und -leiter der Rehasportgruppen sind mit unterschiedlichen Schwerpunkten speziell ausgebildet, die Kurse haben ein Anerkennungsverfahren des Landessportbundes und des Behindersportverbands NRW durchlaufen und sind damit für den Rehabilitationsport zertifiziert.

 
 

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